Viernheim (Stadt Viernheim) – Die bittere Armut veranlasste Hunderttausende Menschen gegen Ende des 19. Jahrhunderts, ihre galizische Heimat zu verlassen und in der Fremde ihr Glück zu suchen. Dabei verschlug es auch die Familie von Seligmann Schindler 1903 zuerst in die junge Industriestadt Ludwigshafen, wo sich die Familie vor allem mit dem Verkauf von Weißwäsche bald einen bescheidenen Wohlstand erarbeitet hatte. Im Jahr 1913 reichte das Vermögen zum Bau eines stattlichen Hauses im benachbarten Viernheim. Hier fand nicht nur ein Großteil der Schindlers ein neues Zuhause. Geschäfts- und Lagerräume, eine Scheuer sowie eine Mietwohnung gehörten zu dem stattlichen Anwesen in der Molitorstraße 1. Der plötzliche Tod des Familienoberhauptes Seligmann Schindler 1916 bedeutete eine tiefe Zäsur. Mit einem Schlag stand seine Frau Sara mit ihren neun Kindern und mehreren Enkeln vor der Aufgabe, das Geschäft fortzuführen. Dabei erhielt sie bei Kriegsende 1918 tatkräftige Hilfe von ihren beiden ältesten Söhnen Salomon und David.

In Folge des Untergangs der Donaumonarchie nach dem Ersten Weltkrieg verloren auch die aus Galizien stammenden Einwohner die österreichische Staatsbürgerschaft und wurden Bürger der Republik Polen. Im Alltag wirkte sich diese höchst nachteilig aus, weshalb die Schindlers die deutsche Staatsbürgerschaft anstrebten. Offenbar in der Hoffnung, die jüdische Herkunft verbergen zu können, nahm ein Großteil der Familie Schindler in den frühen 1920er Jahren den vermeintlich „deutscher“ klingenden Mädchennamen der Mutter „Schiffer“ an. Einige Familienmitglieder wechselten jedoch im Laufe ihres Lebens mehrfach zwischen beiden Nachnamen. Doch der Einbürgerungswunsch blieb der gesamten Familie versagt. Schon 1924 verließen daher Salomon und David Viernheim in Richtung Frankreich und Belgien, wo jedoch die Hürden für den Erwerb der dortigen Staatsbürgerschaft ähnlich hoch lagen. 1930 übergab die mittlerweile 65-jährigen Mutter Sara ihrem jüngsten Sohn Ferdinand das Geschäft in der Molitorstraße. Dessen Ehefrau Minna wandelte dies in ein gut sortiertes Schuhgeschäft um, steigerte den Umsatz nicht unerheblich. Wie die meisten Familienmitglieder, war ihr Mann Ferdinand als fliegender Händler für Weißwäsche unterwegs.

Mit der „Machtergreifung“ der Nazis waren auch die Handelsunternehmung der jüdischen Familie Schiffer/Schindler endlosen Schikanen ausgesetzt. Während Ferdinand Schindler mehrfach auf Geschäftsreisen von Mitgliedern der Hitlerjugend tätlich angegriffen wurde, nahm die Polizei seine Schwester Auguste sogar für mehrere Tage in „Schutzhaft“. Nach der erzwungenen Schließung des Schuhgeschäfts 1935 und dem Einzug der Wandergewerbescheine bestand für die ganze Familie ein Arbeitsverbot. Gänzlich von Zuwendungen des in Belgien lebenden ältesten Sohnes abhängig, verließen einzelne Mitglieder der Familie Viernheim und emigrierten zumeist nach Belgien. Teile des Hausrates, wie Silberbesteck, Pelze und Elektrogeräte, die an Verwandte nach Antwerpen geschickt werden sollten, kamen nie an ihrem Bestimmungsort an, weil sie vom deutschen Zoll entwendet wurden.

Für die noch in Viernheim Verbliebenen wurde der Alltag immer unerträglicher. Von den Behörden mit einem Reiseverbot belegt, waren die Schindlers und Schiffers als „Auslandspolen“ nur noch vor Ort geduldet. Im Novemberpogrom 1938 angepöbelt und bedroht, randalierte der Mob im längst geschlossenen Schuhgeschäft in der Molitorstraße und warf Teile der Auslage auf die Straße. Wenige Wochen später wurde das 25 Jahre zuvor errichtete Haus wegen angeblicher Steuerschulden zwangsversteigert, die im Lager befindlichen Waren im damaligen Wert von etwa 1500 RM zu Schleuderpreisen verkauft. Entrechtet und enteignet, war es zuletzt die Mutter Sara, die im März 1940 nach Ostende auswanderte. Doch auch dort war die Familie nicht sicher. Nach dem Einmarsch der Deutschen in Belgien wurden Sara Schiffer, ihre Tochter Auguste sowie deren Enkel Hermann-Salli Schindler und Albert Schindler dort 1942 verhaftet und nach Auschwitz deportiert, wo sie bald darauf ermordet wurden. Anderen Mitgliedern der Familie gelang es während der Besatzungszeit in Belgien und Frankreich unterzutauchen. Den Rest verschlug es über den halben Globus, von Palästina, über Tunesien, Brasilien und Chile, zumeist aber in die USA, wo sich mehrere Mitglieder der weitverzweigten Familie niederließen.

Frieda Horn, geb. Schindler

Geboren 1913 in Ludwigshafen am Rhein als Tochter der Händlerin Jette Schindler und des Schuhmachers Moses Gutter Wischnitzer, wuchs Frieda bei ihrer Großmutter Sara in Viernheim auf. Hier wurde sie auch 1920 eingeschult. Wie andere Mitglieder der Familie nahm auch Frieda Schindler um 1925 den Nachnamen Schiffer an, zumal ihre Eltern niemals standesamtlich verheiratet waren. Ihre berufliche Tätigkeit als Angestellte ermöglichte ihr sogar später den Erwerb von Führerschein und eines eigenen PKWs – was damals für eine Frau noch recht ungewöhnlich war.

Doch der Verfolgungsdruck der Nazis machte ein weiteres berufliches Fortkommen sowohl in Viernheim als auch zwischenzeitlich in Mannheim unmöglich. Gemeinsam mit ihrem vier Jahre älteren Onkel Ferdinand reiste Frieda Schiffer im September 1938 mit dem Dampfer von Hamburg nach New York und blieb nach Ablauf des Touristenvisums dort. Mehrfach in Abschiebehaft und zeitweise auf Kaution wieder freigelassen, heiratete sie 1941 in New York den ebenfalls aus Deutschland geflohenen John H. Horn, der nach Kriegsausbruch im US-Militärgeheimdienst wirkte und bei Kriegsende nach den Mördern seiner Familie in ganz Mitteleuropa suchte.

Friedas Vater kam 1940 im KZ Buchenwald ums Leben, die Mutter Jette floh 1933 über Frankreich nach Tel Aviv, wo sie 1951 starb.

Zum Verhängnis bei den Wiedergutmachungsverfahren wurden Frieda Horn u.a. fehlende Unterlagen, zumal die Behörden die Umstände ihrer Flucht nicht anerkennen wollten. Das juristische Tauziehen um einen angemessenen Schadenersatz für das erlittene Unrecht endete erst in den 1980er Jahren. Bis zu ihrem Tod 2007 lebte Frieda Horn im New Yorker Stadtteil Queens. Sie überlebte ihre beiden Ehemänner, galt als kluge Haushälterin und hinterließ zwei Töchter, mehrere Enkel und Urenkel.

Neben den im Jahre 2014 verlegten Stolpersteinen für Sara, Ferdinand, Minna und Heinz Schindler sowie Auguste Zehner, liegt seit dem 8. Mai 2025 in Berlin-Schöneberg ein Stolperstein für Friedas Ehemann, John H. Horn (früher Hans Ballhorn). Zwei Stolpersteine wurden für Friedas Cousins, den in Viernheim 1921 geborenen Hermann Salli Schindler und seinen jüngeren Bruder Albert Schindler 2023 im belgischen Ostende verlegt.

 

Inschrift

 

HIER WOHNTE

FRIEDA HORN

GEB. SCHINDLER

  1. 1913

F‘LUCHT 1938

USA