Leserbrief von Wolfram Theymann
Hitzestreß als Folge des Klimawandels
Entsiegelung wesentlich günstiger als vom Ersten Stadtrat genannt
In der Junisitzung des Stadtparlaments haben wir als Bürgernetzwerk den Antrag eingebracht, die Stadtverwaltung möge eine Liste von Beton- und Asphaltflächen im öffentlichen Bereich erstellen, die entsiegelt und begrünt werden können. Weiterhin sollte die Stadtverwaltung die Kosten für diese Arbeiten veranschlagen. Der Antrag wurde ruhig und sachlich von Sabine Martin aus dem Bürgernetzwerk begründet.
Mehr Grünflächen und vor allem Bäume helfen die Stadt zu kühlen, indem sie Wasser versickern lassen, verdunsten und Schatten spenden. Angesichts der aktuellen Hitzetage wäre hier mehr an Schatten und Kühle sehr angebracht. Dass das funktioniert, kann man leicht ausprobieren, wenn man mal an einem heißen Tag die Temperaturen an der schönen dichten Baumallee zwischen Karl Marx-Straße und dem Kreisel Viernheim Mitte vergleicht mit der Temperatur auf dem Apostelplatz, der weitgehend ohne Bäume und Grün auskommen muss. Das Thema ist also relevant und andere – wie zum Beispiel die Stadt Mannheim – machen vor, wie es geht!
Der Erste Stadtrat Jörg Scheidel bemühte zwei Gegenargumente: Erstens, dass seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter allein mit der Erfassung der Flächen jahrelang beschäftigt sein würden und zweitens dass die Begrünung viel Geld kostet, immerhin würde ein Baum pro Stück schon 5000,- Euro kosten. Angesichts der Argumentation des Baufachmanns Scheidel wurde der Antrag dann auch mit einer Mehrheit abgelehnt. Es soll also erst einmal nicht Entsiegelt und begrünt werden. Die Stadt bleibt erst einmal ungekühlt!
Schauen wir aber auf die beiden Argumente des Ersten Stadtrats: Verwundert hat mich persönlich aber schon die Schätzung des Zeitaufwandes für die Erfassung der Flächen von mehreren Jahren. Wir hatten im Antrag NUR die von der Stadt abmarkierten Flächen im Verkehrsraum genannt. Diese könnten der Stadt als durchaus bekannt sein. Selbst wenn man keine digitalen Hilfsmittel verwenden würde und mit dem Rad alle Straßen Viernheims abfahren und mit Zollstock, Bleistift und Block die Flächen erfassen müsste, wäre das in maximal einem Monat erledigt. Heute bieten datengestützte Geoinformationssysteme und die KI Möglichkeiten, solche Flächen leicht zu identifizieren. Mannheim und andere Städte haben die stadtweiten Entsiegelungspotenziale auf dieser Basis erfasst – dies sogar auf städtischen UND privaten Flächen. Die Verwaltungsspitze weist immer gerne darauf hin, wie digital die Stadt schon aufgestellt ist, in diesem Bereich dann aber offenbar doch nicht so gut. Oder aber, es wurde nur als Argument verwendet, in der Hoffnung, dass keiner weiter drüber nachdenkt oder es gar überprüft.
Der Zeitbedarf für diese Arbeiten sollte also lange nicht so hoch sein, wie von Scheidel angeführt. Und es sollten Personalkapazitäten dafür vorhanden sein. Den Bau des Radschnellwegs hat man ja auch beschlossen, ohne darüber nachzudenken, ob denn die personellen Kapazitäten dafür überhaupt vorhanden sind. Und aus anderen bekannten Prozessen wie dem Kirchenwandel war städtisches Personal gebunden und ist nun frei. Letztendlich ist es eine Frage der Prioritäten: wer bestimmt, was in der Stadt Vorrang hat? Der Erste Stadtrat nach eigenem Gusto oder das Parlament?
Das zweite Argument bezog sich auf die Kosten für das Entsiegeln und Begrünen. Auch hier überzog es der Erste Stadtrat mit den Kosten und nannte die Summe von 5000 Euro –wohl für einen Baum. Ja, man kann auch Bäume für 5000 Euro kaufen. Dies sind dann aber schon älter und haben einen entsprechenden Stammumfang und eine entsprechende Baumkrone. Für das Verschatten wären solche Bäume sicherlich gut. Die Stadt hat ja in den vergangenen Monaten an ihren verschiedenen Baustellen alte und große Bäume gefällt und diese mit neuen Bäumen ersetzt. Dafür wurden aber vor allem junge Bäume verwendet. Die Zahl der bisher verwendeten größeren Bäume in der Preislage von 5000 Euro, dürfte wohl sehr gering sein. Aber immerhin haben die möglichen Kosten offenbar genug Stadtverordnete abgeschreckt und zur Ablehnung des Antrags geführt.
Doch auch hier: Wie ist denn die Realität? Hat der Baufachmann und Erste Stadtrat Scheidel Recht mit seinem Kostenhorrorszenario? Fachleute gehen von Kosten in Höhe von 100 bis 250 Euro pro Quadratmeter aus – bei „hochwertiger Begrünung mit Stauden und Bäumen“. Jetzt könnte man auf offizielle Quellen zur Ermittlung von Baukosten verweisen, oder man guckt einfach, was es denn woanders kostet – zum Beispiel in Mannheim. Das Entsiegelungskonzept Mannheim nennt für bereits vorgenommene Maßnahmen einen Kostenrahmen von 60 bis ca. 270 Euro (https://mannheim-entsiegeln.de/). Und wenn man nur etwas weiter über den Tellerrand guckt: Zuschüsse aus verschiedenen Programmen gibt’s noch dazu.
Warum operiert der Erste Stadtrat mit solchen unseriösen Antworten? Das ist keine sachliche Auseinandersetzung, für die die CDU im Wahlkampf noch eingetreten war, sondern reine Augenwischerei und Polemik. Das ist ein sonderbares Verständnis der Rolle eines Ersten Stadtrats als auch eines möglichen zukünftigen Bürgermeisters. Seine eigene politische Agenda durchsetzen und hoffen, dass das Parlament keine Ahnung hat und die eigenen Rechenbeispiele so hinnimmt?
Auch für die im Antrag genannten Fassadenbegrünungen gibt es bereits Vorlagen, denn die Stadt Viernheim hat solche Wettbewerbe und Förderprogramme schon einmal durchgeführt. Ein Blick ins Archiv hätte hier viel Arbeit ersparen können. Die Fassadenbegrünung könnte also auch eine positive Rolle spielen bei der Kühlung der Stadt. Darauf wiesen zu Recht die Grünen hin. Letzteres ist die Art und Weise wie wir uns politische Diskussionen in der Sache wünschen.
Wolfram Theymann
https://buergernetzwerk-viernheim.de
Wir haben auf unserer Webseite einen Beitrag veröffentlicht, der sich mit den Kosten für die Entsiegelung von Flächen befasst. Im Parlament wurde immer wieder darauf verwiesen, dass man doch über Fakten reden wolle. Hier sind einige!


