Foto: Französischer Club

Viernheim (Französischer Club) – „Es war ein intensives und bewegendes Wochenende“, stellte Dr. Jörn Ritterbusch als Vorsitzender des Französischen Clubs – Freunde Europas e.V. zum Abschluss fest.

Vom 23. – 25. Oktober 2026 waren 18 Viernheimerinnen und Viernheimer als Delegation des Französischen Clubs in Verdun. 23 Mitglieder von „Rencontre“ kamen aus der Partnerstadt Franconville hinzu. Die Altersgruppe reichte von 16 bis 85 Jahren. Wie einst Francois Mitterand und Helmut Kohl 1984 in Verdun kamen Franzosen und Deutsche aus beiden Richtungen zusammen, um die historische Gedenkstätte an die größte Schlacht des 1. Weltkriegs zu besuchen, ausgerechnet am 110. Jahrestag des Endes der Schlacht um Verdun, eines der blutigsten Kapitel des 1. Weltkriegs. Es sollte aber nicht beim Besichtigen der ehemaligen Schlachtfelder und Denkmäler bleiben. Im ehemaligen Nonnenkloster in Benoit-Vaux arbeiteten die Teilnehmenden das Erlebte in mehreren Workshops in französischer, englischer und deutscher Sprache auf und entwickelten Ideen für zukünftige Begegnungen der Partnerschaftsvereine.

Zur Einstimmung gab es am Freitag eine kleine Tour durch die Innenstadt und einen Besuch der Kathedrale von Verdun. Schon dort waren die Spuren des 1. Weltkriegs unübersehbar. Die Fassaden einiger Häuser in der unmittelbaren Nachbarschaft weisen heute noch Einschläge der Granaten auf, die in großer Zahl auf die Stadt niedergingen. Besonders pikant: Deutsche Granaten hatten den Eingang zu der vorher verschütteten Krypta der Kathedrale freigeschossen.

Am Samstag standen dann die Schlachtfelder, Schützengräber und Bunker auf den Hügeln rund um Verdun im Mittelpunkt. Höhepunkt und Tiefpunkt zugleich das bekannte Ossuaire (Beinhaus) in Douaumont, wo die sterblichen Überreste unzähliger gefallener Soldaten ihre letzte Ruhestätte gefunden haben – man schätzt, dass die Knochen von 130.000 Gefallenen hier aufbewahrt werden, ohne Unterschied ihrer Nationalität. Und über Ihnen wird heute Ihrer gedacht und Versöhnung praktiziert. Nicht nur Mitterand und Kohl gaben sich hier die Hand, 2014 haben Angela Merkel und Francois Hollande dort den Gedenktag 100 Jahre nach dem Ausbruch des 1. Weltkriegs gemeinsam begangen. Insgesamt verloren über 17 Millionen Menschen im 1. Weltkrieg ihr Leben, davon 10 Millionen bei Kampfhandlungen – vier Tote pro Minute des Krieges.

In einem besonders bewegenden Moment der Führung durch das stark umkämpfte Fort Douaumont las einer der jüngsten Teilnehmer der Viernheimer Delegation aus dem Tagebuch des damaligen Stabsarztes Dr. Hallauer, der über die schrecklichen Folgen der Explosion einer Granate im Bunker berichtete. Er war selbst durch die giftigen Dämpfe ohnmächtig geworden, konnte sich aber wieder erholen und rettete dann noch viele Soldaten. Seine persönliche Geschichte ist besonders erschütternd und personifiziert geradezu die deutsche Geschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts: Er überlebte den Krieg, wurde gar mit dem Eisernen Kreuz 1. Klasse ausgezeichnet, nur um als jüdischer Staatsbürger Jahre später von den Nationalsozialisten in Auschwitz vergast zu werden.

Die Reisegruppe besuchte mehrere Soldatenfriedhöfen rund um Verdun. Französische, deutsche und amerikanische, zu jedem gibt es eigene dramatische Geschichten. Lange Zeit hatte Frankreich sich geweigert, auch deutsche Gedenkstätten zuzulassen. Erst nach dem gemeinsamen Besuch von Mitterand und Kohl 1984 hat sich das geändert. Auch die Amerikaner, erst 1917 in den Krieg eingetreten, schrieben ihre eigenen Geschichten und verloren noch über 20.000 Soldaten. Auch hier wieder besonders eindrucksvoll: Der Besuch am Grab eines jungen amerikanischen Soldaten, der noch 15 Minuten vor der Ausrufung des Waffenstillstands und der Beendigung des Krieges im Dezember 1918 sein Leben verlor.

Es war die Verknüpfung persönlicher Schicksale mit den weltgeschichtlichen Ereignissen, die die deutsch-französische Reisegruppe, deren Aufenthalt vom Deutsch-Französischen Bürgerfonds und der Sparkassen-Stiftung großzügig unterstützt wurde, in der späteren Aufarbeitung besonders inspirierte. Mehrere Workshops (D/EN/F) befassten sich mit den Fragen: Welche Erzählungen von Vätern und Großvätern über ihre Kriegserlebnisse sind noch präsent? Welche Lehren können daraus für heute und die Zukunft gezogen werden? Das Resümee war einhellig: Der gemeinsame Besuch der Schlachtfelder von Verdun sollte Mahnung und Motivation genug sein, um Partnerschaften und Freundschaften zu pflegen und zu vertiefen, unabhängig von Nationalität und Herkunft. „Nie wieder ist jetzt“! ist das Motto, hinter dem sich alle zusammenfinden konnten.

Die große Politik kann nur wenig beeinflusst werden. Leider zeigen ja die aktuellen Konflikte, dass die Menschheit insgesamt nicht viel gelernt hat. Über Städtepartnerschaften können aber viele kleine Beiträge geleistet werden, um positivere Perspektiven zu erreichen. Im abschließenden Workshop am Sonntagmorgen wurden konkrete Ideen für künftige gemeinsame Aktionen entwickelt. So wird beim Stadtfest im nächsten Jahr wieder ein Stand der französischen Freunde dabei sein und es soll weitere Treffen, auch unter Einbeziehung der gemeinsamen polnischen Partnerstadt Mlawa, geben. Allen war wichtig, dass der persönliche Kontakt zwischen den Mitgliedern aus den Partnerstädten auch zwischen den Besuchen gestärkt wird und man weiter im Austausch bleibt.

„Zwischen Franconville, Viernheim und Mlawa kann sich aus der gemeinsamen Erfahrung von Verdun viel Gutes entwickeln“, stellte Nathalie Lemoine, die Vorsitzende des Franconville Clubs „Rencontre“ fest. „Aus früheren Feinden sind Freunde geworden.“

Schon bald steht die nächste Begegnung an: anlässlich des offiziellen Verkaufsstarts des Beaujolais Nouveau, der immer am 3. Donnerstag im November in den Handel kommt, veranstaltet Rencontre eine Soirée am Samstagabend, zu der eine kleine Gruppe Viernheimer das Wochenende in Franconville und Paris verbringen wird.