Respekt statt Häme: Die SPD bleibt wichtig für Viernheim – von Michael Kosbau Magistratsmitglied des Bürgernetzwerks
Die Nachricht, dass die Viernheimer SPD bei der kommenden Bürgermeisterwahl keinen eigenen Kandidaten ins Rennen schicken wird, dürfte bei vielen für Überraschung und sicherlich auch für Enttäuschung gesorgt haben. Schließlich hat die SPD über viele Jahrzehnte die Geschicke unserer Stadt maßgeblich geprägt und mit Matthias Baaß einen Bürgermeister gestellt, der nach insgesamt 30 Jahren im Amt eine ganze Ära Viernheimer Stadtgeschichte hinterlassen wird. Dass ausgerechnet diese Partei nun keinen eigenen Bewerber präsentiert, mag manchen zu Spott oder Häme verleiten. Ich halte das für völlig unangebracht. Als ehemaliger Vorsitzender des SPD-Ortsvereins, der die Partei wegen grundlegender Differenzen mit ihrer Bundespolitik verlassen hat, betrachte ich die Entwicklung durchaus mit gemischten Gefühlen. Meine politische Distanz zur SPD auf Bundesebene ändert nichts an meiner Wertschätzung für das, was Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten über Jahrzehnte für unsere Stadt geleistet haben, auch wenn ich nicht mit allen Entscheidungen immer glücklich oder einverstanden war.
Als Lorenz Neff, Hans Mandel, Erwin Bugert und Norbert Hofmann ins Amt kamen, war ich noch nicht einmal geboren. Diese haben Viernheim bis hin zu Matthias Baaß als sozialdemokratische Bürgermeister entscheidend mitgestaltet. Aber die Bedeutung der SPD erschöpft sich nicht in der Besetzung des Bürgermeisteramtes. Ihr Einsatz für soziale Gerechtigkeit, Bildung, Kultur, gesellschaftlichen Zusammenhalt und eine lebenswerte Stadt hat Viernheim geprägt. Dahinter stehen Generationen von Menschen, die sich haupt- und vor allem ehrenamtlich für unser Gemeinwesen engagiert haben. Gerade deshalb verdient auch die jetzige Entscheidung Respekt. Es wäre ein Leichtes gewesen, irgendeinen Namen auf einen Wahlzettel zu bringen, nur um sich nicht die vermeintliche Blöße geben zu müssen, ohne eigenen Kandidaten dazustehen. Doch eine reine Zählkandidatur, die lediglich dem äußeren Anschein dient, wäre weder der Bedeutung des Bürgermeisteramtes noch der Geschichte der Viernheimer SPD gerecht geworden. Nicht jede unterbliebene Kandidatur ist ein Zeichen von Schwäche. Manchmal zeugt es auch von politischer Ehrlichkeit, die eigenen Möglichkeiten realistisch einzuschätzen.
Allerdings sollte der Verzicht auf einen eigenen Kandidaten keinesfalls bedeuten, sich aus der Bürgermeisterwahl herauszuhalten, oder gar aus taktischen Erwägungen auf einen Sieg des amtierenden 1. Stadtrats zu hoffen. Warum entwickelt die SPD nicht etwa eigene Wahlprüfsteine, anhand derer sich die Bewerber mit ihren Vorstellungen für Viernheim auseinandersetzen sollen? Wie stehen die Kandidaten zu bezahlbarem Wohnraum, guter Kinderbetreuung, sozialem Zusammenhalt, zur Zukunft unserer Innenstadt, zu Klimaanpassung und zur schwierigen finanziellen Situation der Stadt? Noch besser wäre eine öffentliche Veranstaltung, zu der die SPD alle drei Kandidaten einlädt, um mit ihnen über diese Fragen zu diskutieren. Gerade diejenigen Bürgerinnen und Bürger, die sich einen sozialdemokratischen Bürgermeisterkandidaten gewünscht hätten, könnten so aus erster Hand erfahren, welcher Bewerber ihren Vorstellungen von einer sozialen, gerechten und zukunftsfähigen Stadt am nächsten kommt.
Eine solche Initiative wäre sehr begrüßenswert und ein wertvoller Beitrag zur demokratischen Meinungsbildung. Sie würde zeigen, dass die SPD auch ohne eigenen Bewerber politische Maßstäbe setzen und Verantwortung für Viernheim übernehmen kann. Ich jedenfalls empfinde keine Schadenfreude ob der Situation der SPD, die dennoch sicherlich auch selbst verschuldet ist. Die Bedeutung einer politischen Partei für unsere Stadt bemisst sich nicht allein daran, ob sie den Bürgermeister stellt. Sie bemisst sich daran, was sie zum demokratischen Miteinander und zur Zukunft Viernheims beiträgt. Dabei wird die Viernheimer SPD auch weiterhin eine wichtige Rolle spielen. Ich würde mich freuen, wenn die SPD sich trotz der fehlenden Kandidatur in den bevorstehenden Bürgermeisterwahlkampf einbringt. Es wäre eine Bereicherung für die Demokratie.
Michael Kosbau
Magistratsmitglied des Bürgernetzwerks




