Museum Viernheim: Was bedeutet Migration für Viernheim? – Stadt startet Forschungsprojekt zur lokalen Migrationsgeschichte seit 1945
Wissenschaftliche Aufarbeitung persönlicher Geschichten, Erinnerungen und Erfahrungen aus der Bürgerschaft

Foto: Stadt Viernheim
Viernheimm (Stadt Viernheim) – Wie hat Migration Viernheim geprägt? Wer kam wann, warum und mit welchen Erfahrungen in die Stadt? Und wie hat sich das Zusammenleben durch Zuwanderung verändert – früher wie heute? Diese und viele weitere Fragen stehen im Mittelpunkt eines neuen, stadtgeschichtlich bedeutsamen Forschungsprojekts, das am vergangenen Dienstag (27. Januar) von Bürgermeister Matthias Baaß gemeinsam mit der Leiterin der Abteilung Stadtgeschichte des Kultur- und Sportamts, den Gründern des Vereins Lernmobil e.V., Dr. Brigitta Eckert und Dr. Gerd Baltes sowie Alexander Kehry im Berliner Ring vorgestellt wurde.
In einem gemeinsamen Vorhaben wollen die Stadt Viernheim, der Verein Lernmobil e. V., die Johannes-Gutenberg-Universität Mainz (JGU) sowie das Büro 21ct Wiesbaden die Migrationsgeschichte Viernheims seit 1945 fundiert untersuchen – wissenschaftlich begleitet, mit großer Bürgerbeteiligung und mit einem klaren Ziel: Das Unsichtbare sichtbar machen.
Ein Projekt für die Stadt – mit der Stadt
Bürgermeister Matthias Baaß macht gleich zu Beginn der Pressekonferenz deutlich, warum das Projekt so wichtig ist: „Migration und Zuwanderung haben Viernheim schon immer geprägt – damals wie heute.“ Viele hätten dazu persönliche Erinnerungen. Er selbst schilderte Erinnerungen aus seiner Kindheit, etwa die Beobachtung eines Mannes mit „ausländischem Aussehen“, der für das Müllunternehmen Hofmann arbeitete und damals die schweren blechernen Mülltonnen herumhievte. Oder ein Beispiel aus jüngerer Zeit: „Recep Güzel, ehemals Maurer bei einer Viernheimer Firma, hat zusammen mit Kollegen die Kneipp-Anlage im Familiensportpark West für die Stadt gebaut – ehrenamtlich!“
Solche Erlebnisse gäbe es in vielen Familien. „Genau diese Erinnerungen sollen nun festgehalten werden. Denn wir alle kennen Menschen wie den Pizzabäcker um die Ecke oder der eigene Hausarzt, deren Wurzeln vielleicht ganz woanders liegen – und doch ist uns das oft gar nicht bewusst“, so Baaß.
Elke Leinenweber, Leiterin der Abteilung Stadtgeschichte im Kultur- und Sportamt, erläutert, dass es dem Projekt darum gehe, persönliche Geschichten, Fotos, Erinnerungen und Erfahrungen zu Migration dauerhaft im Museum zu dokumentieren: „In unserer Arbeit sehen wir immer wieder, wie präsent Migration in Viernheim ist – in Vereinen, Projekten, Netzwerken. Es war an der Zeit, die gesamte Migrationsgeschichte der Stadt einmal in den Blick zu nehmen.“
Entstanden sei die Idee aus der langjährigen Zusammenarbeit mit dem Verein Lernmobil e.V., der sich seit über 40 Jahren dem Motto „Integration durch Bildung“ verschrieben hat. Gerade durch diese Erfahrungen bringe das Projekt viele spannende Erzählungen mit sich. Der Museumsverband Hessen spricht von einem „Modellprojekt in diesem Umfang“, berichtet Leinenweber und empfahl es dem Ministerium für Wissenschaft und Forschung, Kunst und Kultur in Wiesbaden zur Förderung, von dessen Seite auch eine Zustimmung zum Maßnahmenbeginn vorliege.
Wissenschaft trifft Lebensgeschichte
Alexander Kehry, Leiter des Büros 21ct Wiesbaden und Projektkoordinator, betont den besonderen Ansatz: „Wir alle haben schon von Migration gehört. Aber wissen wir wirklich, was das bedeutet – auf persönlicher Ebene?“ Die Kooperation mit der Universität Mainz ermögliche eine fundierte wissenschaftliche Aufarbeitung, die Emotion, Erinnerung und Analyse zusammenführt. Der Arbeitsbereich Zeitgeschichte der JGU übernimmt dabei Planung, Archivarbeit, Oral History und Auswertung. Studierende werden im Sommersemester 2026 ein Hauptseminar durchführen und ein Forschungsportfolio erstellen: mit Quellenübersicht, Zeitzeugeninterviews und zusammenfassenden Ergebnissen.
Kehry verwies auch auf die gesellschaftliche Bedeutung: „Viernheim ist heute Heimat für Menschen aus über 90 Nationen. Rund 22,8 Prozent der Bevölkerung haben einen Migrationshintergrund. Diese Vielfalt hat Viernheim wirtschaftlich, kulturell und sozial mitgeprägt. Das Projekt macht diese Geschichten sichtbar – und würdigt sie.“
Dr. Brigitta Eckert und Dr. Gerd Baltes sehen in dem Projekt auch die Chance, die große Bedeutung der Integrationsarbeit in Viernheim abzubilden: „Wir sind durch unsere Arbeit so vielen Menschen begegnet, wir könnten zig Geschichten erzählen, ganz zu schweigen von den Menschen, die die Arbeit mit den zugewanderten Menschen geleistet haben und selbst Geschichte gemacht haben. Diese Arbeit zu dokumentieren, das ist der Antrieb des Projekts“, so die Vereinsgründer. Es ginge auch darum, eine andere Perspektive aufzuzeigen, nämlich welchen großen Beitrag diese Arbeit für das Zusammenleben in Viernheim geleistet hat. Zum Beispiel die zahlreichen ehrenamtlichen Integrationslotsen, die seit über 15 Jahren neu zugewanderten Menschen in Viernheim helfen, sich zurechtzufinden. „Viele Viernheimer lebten früher mit mehreren Generationen zusammen, über die die Kultur weitergegeben wurde“, so Eckert. Für die Migranten seien das die Lotsen. Dieses Zusammenspiel aus persönlicher Hilfe, institutioneller Unterstützung und lokalem Miteinander sei das, was Viernheim seit Jahrzehnten auszeichne.
Mitmachen erwünscht – Stadt setzt auf Unterstützung der Bürgerschaft
Die Beteiligung ist vielfältig vorgesehen. Wie genau die Einbindung der Bürgerschaft erfolgen wird, ist noch in Abstimmung mit der Universität. Damit das Projekt aber lebendig wird, ist die aktive Beteiligung der Viernheimer Bevölkerung ausdrücklich erwünscht. Weitere Informationen dazu wird es ungefähr im Mai geben.
Ziel ist es, ein aussagekräftiges und vielschichtiges Bild der Migrationsgeschichte Viernheims zu zeichnen – mit all seinen Herausforderungen, Konflikten und Erfolgsgeschichten. Dabei sollen auch kritische Stimmen Raum bekommen, betont Kehry ausdrücklich: „Es geht nicht um Schönfärberei, sondern um eine ehrliche Auseinandersetzung.“
Das Projekt läuft voraussichtlich bis September 2026. Denn – so Kehry – „Anfang des Monats müssen die Noten bei den Studierenden eingetragen sein.“ Erst danach wird entschieden, in welcher Form die Ergebnisse öffentlich präsentiert werden – etwa durch eine Ausstellung, eine Broschüre oder digitale Formate.
Die voraussichtlichen Projektkosten liegen bei rund 38.000 Euro, von denen 60 Prozent gefördert werden. Der Rest wird aus dem bestehenden städtischen Budget für Stadtgeschichte gedeckt – ohne zusätzliche Belastungen.
„Die Viernheimer Migrationsgeschichte sichtbar machen ist mehr als ein wissenschaftliches Vorhaben – es ist eine Einladung an alle, die Stadtgesellschaft neu zu entdecken: durch Geschichten, die sonst ungehört bleiben. Ein Projekt, das Identität stiften und Verständnis fördern kann. Und das zeigt, wie sehr Migration Teil unserer gemeinsamen Geschichte ist – und unserer Zukunft“, so Bürgermeister Baaß abschließend.




